Warum LSBT aus Armenien emigrieren – vier Geschichten

Warum LSBT aus Armenien emigrieren – vier Geschichten

Porträts

Allein zwischen 2011 und 2013 verließen 5.891 Menschen aus der LSBT-Gemeinschaft Armenien. Vier Geflüchtete, die heute in verschiedenen EU-Ländern leben, erzählen ihre Geschichte. in English

Yerevan aus der VogelperspektiveYerevan, die Hauptstadt von Armenien – Creator: Serouj Ourishian. Creative Commons License Logoეს ფოტო ვრცელდება შემდეგი ლიცენზიით Creative Commons License.

Zwischen 2011 und 2013 verließen 5.891 Menschen aus der LSBT-Gemeinschaft Armenien. Die Zahl stammt aus einer Studie der Nichtregierungsorganisation PINK Armenia über die Auswirkungen der LSBT-Emigration auf die wirtschaftlichen Indikatoren des Landes.

Neben den allgemeinen Beweggründen für eine Auswanderung aus Armenien kommen bei LSBT noch spezifische Faktoren wie Diskriminierung und Homophobie hinzu, die mit einer Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit, mangelndem Schutz durch den Staat, häuslichen Problemen, psychologischem Druck, finanzieller Erpressung, Problemen bei dem Wunsch „nach einer Geschlechtsumwandlung“ und weiteren Schwierigkeiten einhergehen.

Eine von der Society Without Violence (einem Zusammenschluss von Frauenrechtsorganisationen) in der Praxis durchgeführte Erhebung über die Menschenrechtssituation von LSBTI in Armenien offenbarte die Gesetzeslücken in Bezug auf LSBT-Rechte und die LSBT-feindliche Rechtspraxis. Die Studie schildert die wichtigsten Probleme und Schwachstellen bei Fragen der Gleichstellung und Nichtdiskriminierung, im Leben und in Bezug auf die Sicherheit, bei Beschäftigung, Bildung und Ausbildung, in der Gesundheitsversorgung, bei den Ansprüchen auf Sozialversicherung und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Eine weitere Studie von PINK Armenia, „From Prejudice to Equality: Study of societal attitudes towards LGBTI people in Armenia“, veranschaulicht detailreich das Wesen und die Grundlage für die Vorurteile und die Intoleranz gegenüber LSBTI in der armenischen Gesellschaft.

Diese drei Studien liefern eine allgemeine und theoretische Vorstellung über die Menschenrechtssituation von LSBTI in Armenien und die Hauptgründe für deren Auswanderung. In diesem Artikel werden die Geschichten von vier aus Armenien Geflüchteten – einer Lesbe, einem Schwulen, einem Transgender und einem Bisexuellen –, die heute in verschiedenen EU-Ländern leben, aus erster Hand erzählt. Diese Einzelfälle werden dazu beitragen, die Gründe hinter dem Exodus von LSBTI aus Armenien zu verstehen.

  1. Anna: Eine Flucht in die Niederlande
  2. Tigran: Rettung aus Deutschland
  3. Mel: Freiheit in den Niederlanden
  4. Gevorg: Befreiung in Frankreich

 


1. Anna: Eine Flucht in die Niederlande

Anna ist Lesbe und hat vor fast einem Jahr in den Niederlanden politisches Asyl beantragt. Die niederländischen Behörden haben noch nicht über den Antrag entschieden und die 37-Jährige lebt derzeit in einer Flüchtlingsunterkunft. Sie ist sichtlich berührt, als sie die Frage nach den Gründen für ihre Ausreise aus Armenien beantwortet:

„Aufgrund verschiedener Umstände war ich zu dieser Entscheidung gezwungen. Zu den Gründen gehörten meine persönliche Sicherheit, Diskriminierung am Arbeitsplatz und Probleme bei der Gesundheitsversorgung, woraus alles in allem eine Situation entstand, in der ich um mein Leben fürchtete.“

Ihren Angaben zufolge ist das Leben für Frauen im patriarchalen Armenien schwierig. Für Frauen sei es zehnmal schwerer als für Männer, ihr Recht auf ein Leben in Würde durchzusetzen.

„In Armenien gibt es nur sehr wenige Orchesterdirigentinnen. Kann man sich überhaupt daran erinnern, bei einem Konzert jemals eine Dirigentin gesehen zu haben? Im beruflichen Bereich wurde mir permanent gesagt, dass Dirigieren kein Frauenberuf sei und dass ich mir keine Hoffnungen machen solle, eines Tages ein eigenes Orchester dirigieren zu können.

Ich hatte jahrelang studiert und meine Fertigkeiten immer weiterentwickelt, nur um gesagt zu bekommen, dass es auf diesem Gebiet keinen Platz für Frauen gebe. In Armenien kann eine Frau nicht Dirigentin werden; sie kann nur dirigiert und ausgenutzt werden.

Keine Anstellung als Dirigentin

Die vorherige Kulturministerin [in Armenien] war eine Frau, und ich dachte, zumindest instinktiv, dass sie sich solidarisch zeigen würde. Ich wandte mich einmal an sie und versuchte, ihr all die Probleme zu schildern, vor denen ich stand. Es stellt sich leider heraus, dass ich das lieber nicht hätte tun sollen, denn mir wurde daraufhin die Entlassung aus meinem Job angedroht. Kurz gesagt waren damit alle Hoffnungen passé, je ein Orchester zu dirigieren. Mir blieb keine andere Wahl, als bescheiden in Chören zu singen, die natürlich von Männern dirigiert wurden.

All das – die geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz, die Entlassungsdrohungen, die unerfüllten Träume und Hoffnungen – sind jedoch nicht die Hauptgründe, warum ich Armenien verließ.

In Armenien stehen alle Frauen mehr oder weniger vor den gleichen Problemen. Natürlich mit Ausnahme derjenigen, die dem patriarchalen System dienen, also einigen einflussreichen Vertreterinnen der regierenden Republikanischen Partei.

Aber wenn man lesbisch und deshalb gezwungen ist, in zwei parallelen Dimensionen der Realität zu leben, weil man seine Identität und sein Privatleben verstecken muss, wird man zu zwei Personen in einem Körper mit zwei verschiedenen Verhaltensweisen, Stilen, sogar zwei unterschiedlichen „Sprachen“.

Dabei benutzt man den Wortschatz der einen Sprache aus gesellschaftlichen Zwängen heraus als Maske, mit der man sich verstellt, und die andere Sprache nur zuhause in den eigenen vier Wänden mit dem Hund, der Lebenspartnerin und einem sehr kleinen Kreis von Freunden. Und wenn man das alles satt hat und sich von diesen Fesseln befreien will, unternimmt man plötzlich solche impulsiven Schritte, von denen man nie dachte, dass man den Mut dafür aufbringen würde,“ erklärt Anna.

Drohungen und anonyme Anrufe

Sie erzählt die Geschichte, wie sie eine Anfrage an das armenische Justizministerium schickte, um zu erfragen, wie sie vorgehen müsse, um ihre Partnerin heiraten zu können und/oder die Lebensgemeinschaft amtlich eintragen zu lassen.

„Der Wunsch, offiziell zu heiraten, sollte nicht nur für eine psychische Befreiung sorgen, sondern entsprang auch einer sozialen und wirtschaftlichen Notwendigkeit. Ich nenne ein Beispiel: Wir wollten einen Kredit aufnehmen, um uns eine Wohnung zu kaufen. Beim Kauf von Immobilien erhalten heterosexuelle Ehepaare Kredite und andere wichtige Vorteile, die uns verwehrt blieben.

In Armeniens Verfassung ist die gleichgeschlechtliche Ehe nicht ausdrücklich verboten, und da alles, was nicht gesetzlich verboten ist, für Privatpersonen erlaubt ist, beschloss ich eines Tages, eine Anfrage an das Justizministerium zu schicken, um herauszufinden, wie wir unsere Partnerschaft amtlich registrieren lassen könnten. Auf der Webseite LGBTnews wurde ausführlich über diesen Fall berichtet.

Nach den Antworten des Ministeriums, die im Widerspruch zu zentralen Bestimmungen der Verfassung standen, war ich wild entschlossen, mit meinem Anliegen bis vors Verfassungsgericht zu ziehen, und war auch schon auf der Suche nach einem Anwalt. Ab dem Zeitpunkt erhielt ich anonyme Anrufe. Ich wurde vor meiner Haustür angegriffen und bekam viele Drohungen, „das Ministerium in Ruhe zu lassen“. Mir wurde klar, dass die Behörden mich im Visier hatten und dass meine körperliche Unversehrtheit in Gefahr war.

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass eine so unbedeutende Person wie ich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Regierung rücken könnte. Mir blieb keine andere Wahl, als Armenien sofort zu verlassen“, sagt Anna und fügt hinzu, dass sie nicht gedenke, nach Armenien zurückzukehren – es sei denn, das Land würde sich zu einem modernen demokratischen Staat entwickeln mit klaren Mechanismen für den Schutz von Menschenrechten und gesetzlicher Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Ehen.

In einen Staat, der gegen alle Fälle von Diskriminierung und alle Formen von Hass vorgeht.


2. Tigran: Rettung in Deutschland

Tigran lebt bereits seit fünf Monaten in Flüchtlingsunterkünften in Deutschland – derzeit in Marktheidenfeld. Der 33-jährige Armenier hatte auch schon seine Anhörung bei der Ausländerbehörde, der er seine Geschichte erzählte. Jetzt wartet er auf den Bescheid zu seinem Asylantrag.

Die Bundesrepublik stellt ihm eine Unterkunft und zahlt ihm Sozialhilfe. In der Hoffnung, in seinem Beruf eine Stelle zu finden, lernt er jetzt Deutsch. Zunächst sprach der schwule Mann nicht gern über die Gründe, warum er Armenien verließ, weil das ein zu belastendes Thema für ihn war.

„Anfang 2015 ging ich zu einer der Kontrollen auf eine sexuell übertragbare Krankheit, was ich regelmäßig zweimal pro Jahr tat. Dieses Mal stellte sich heraus, dass ich HIV-positiv war. Ich war natürlich verzweifelt, obwohl mir bewusst war, dass die moderne Medizin inzwischen in der Lage war, viele der von HIV ausgehenden Gefahren wesentlich zu neutralisieren.

Das Leben in Armenien ist für einen Schwulen schwierig und noch schwieriger für einen Schwulen mit HIV. Dennoch hatte ich anfangs nicht vor, Armenien zu verlassen. Ich mochte meine Arbeit und wusste auch gar nicht, wo ich hingehen sollte, wenn ich mich entscheiden würde, meine Familie, meine Verwandten und meine Freunde zurückzulassen.

Keine hochwertige medizinische Versorgung für HIV-Positive

Aber als ich mit der Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung im armenischen Gesundheitswesen und den Vorurteilen gegenüber HIV-Positiven konfrontiert wurde, war mir klar, dass ich nicht mit einer hochwertigen medizinischen Versorgung rechnen konnte. Ich begann, um meine Gesundheit und mein Leben zu bangen.

Dazu kam, dass die Haltung des medizinischen Personals am Nationalen Zentrum für AIDS-Prävention sehr beleidigend und erniedrigend war. Als ich einmal einen Zahnarzt brauchte, dauerte es Wochen, bis ich einen fand, der bereit war, HIV-positive Patienten zu behandeln“, erzählt Tigran.

Nach eigenen Aussagen musste Tigran in Armenien sein Sexual- und Gefühlsleben vor allen verstecken – vor seinen Freund/innen, Verwandten und Bekannten. Und dann kam noch das Geheimnis dazu, mit HIV leben zu müssen.

„Wenn ich zuvor meine sexuelle Orientierung verbergen und meine sexuellen und emotionalen Bedürfnisse nur heimlich ausleben konnte, musste ich jetzt noch sehr viel vorsichtiger sein, nachdem ich erfahren hatte, dass ich HIV-positiv bin. Ich hatte Angst, jemanden anzustecken.

Außerdem fürchtete ich, dass niemand mehr eine wie auch immer geartete Beziehung zu mir würde aufnehmen wollen, wenn bekannt wäre, dass ich HIV-positiv bin. In Armenien haben selbst die Menschen in LSBTI-Kreisen viele Ängste und stereotype Auffassungen im Zusammenhang mit HIV. Und damit war für mich auch mein geheimes Privatleben vorbei.“

"Das Recht auf Privatleben und die ärztliche Schweigepflicht sind in Armenien nicht geschützt"

Tigran erzählt weiter, dass sein Arbeitgeber irgendwie von seiner sexuellen Orientierung und seinem HIV-Status erfahren und ihm gekündigt habe, was letztlich zu seiner Entscheidung führte, Armenien zu verlassen.

„Ich habe keine Ahnung, wie mein Arbeitgeber an diese vertraulichen medizinischen Daten rangekommen ist, aber offensichtlich war eine der Gesundheitseinrichtungen die undichte Stelle – oder auch die Nachrichtendienste. Ich weiß es nicht, aber mein Beispiel zeigt, dass das Recht auf Privatleben und die ärztliche Schweigepflicht in Armenien nicht geschützt sind“, erklärt Tigran, womit er seine Sorge zum Ausdruck bringt.

In Deutschland fühle er sich sicher und mache sich keine Sorgen um seine Gesundheit und sein Leben. Er sagt, er sei über das deutsche Gesundheitssystem sehr glücklich und erhalte eine Behandlung mit moderner Medikation. Auch in Deutschland gebe es viele Probleme, aber sie seien völlig anderer Art.

Allerdings sei er in einer der Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland Opfer eines homophoben Hassverbrechens geworden. In seiner Unterkunft hätten andere Armenier gelebt, die sich zu einer Gruppe zusammengerottet und ihn auf dem Gelände der Unterkunft angegriffen hätten, als sie erfuhren, dass er schwul ist. Nachdem er medizinisch versorgt worden war, informierte er das Personal in der Einrichtung über den Vorfall, woraufhin er in eine andere Unterkunft verlegt wurde. Die Polizei ermittelt jetzt in diesem Fall.

Als Antwort auf die Frage, wann er nach Armenien zurückkehren wolle, lacht er nur.


3. Mel: Freiheit in den Niederlanden

Mel war als Frau zweimalige Europameisterin und Rekordhalterin im Gewichtheben, bevor er als Transgender-Athlet in die Niederlande ging, wo er seit einem Jahr lebt, politisches Asyl erhielt und Holländisch lernt.

„Wenn ich alle Gründe aufzählen wollte, warum ich Armenien verließ, würde unser Gespräch Tage dauern. Jeder weiß, dass Transgender in Armenien die am meisten gefährdete Gruppe sind.

Wenn man versucht, etwas in der Realität um einen herum zu ändern und dabei immer wieder scheitert, bleibt einem nichts Anderes übrig als der Weggang in ein anderes Umfeld. Vor allem wenn man sieht, dass man selbst mit nur wenigen anderen Menschen auf der einen Seite gegen den Rest der Gesellschaft auf der anderen Seite steht. In Armenien war das Ausmaß an Diskriminierung, Drohungen, Hass sowie die Einschränkung und Verletzung verschiedener Freiheiten und Rechte so groß und alles durchdringend, dass man keine Luft zum Atmen hatte und ich wollte nicht ersticken.

Ich hatte weder die Stärke noch den Wunsch, diese Last zu tragen, weil die Spielregeln so ungerecht waren“, erklärt Mel und fügt hinzu, dass er nur von einem Grund erzählen würde, der wesentlich zu seiner Emigration aus Armenien beigetragen habe. Der Athlet erklärt, dass ihn von all den Gründen für seine Emigration aus Armenien dieser Grund auch nach einem Jahr in den Niederlanden immer noch weiterverfolge.

„Die armenischen Medien, die zum Hauptinstrument für die Verbreitung und Zunahme von Hass, Intoleranz und Ignoranz wurden, [gehören zu den Hauptschuldigen für meinen Weggang]. Und dieses Instrument wird sowohl von den Behörden als auch anderen strategischen Partnern Armeniens eingesetzt. Vor allem stürzen sie sich sofort auf Personen, die in der Öffentlichkeit bekannt sind.

Verantworungslosigkeit und fehlende journalistische Ethik bei armenischen Medien

Für berühmte Menschen ist es natürlich, im Mittelpunkt des Medieninteresses zu stehen, aber alles sollte seine Grenzen haben. Veröffentlichungen in den Medien sollten den Regeln einer journalistischen Ethik und den Normen der Menschenrechte unterliegen. Die Massenmedien sollten ihre Nase nicht in das Privatleben einer Person stecken, sie nicht rund um die Uhr verfolgen und nicht ihr Leben vergiften.

Es ist komisch, aber selbst nachdem meine Auswanderung in die Niederlande schon ein Jahr zurückliegt, erscheinen in den armenischen Medien immer noch viele Berichte mit Aufmachern wie ‚Dalusjan hat einen neuen Haarschnitt‘, ‚Dalusjan postet auf Facebook‘ und so weiter. Unter jedem der im Internet veröffentlichten Artikel erscheint eine Welle an Hasstiraden von Nutzer/innen, eine Orgie an Diskriminierungen und eine Serie von Kommentaren, die von den Betreibern der Nachrichtenseite garantiert nicht gelöscht werden.

Kürzlich war der 20. Todestag von Prinzessin Diana und im Westen wurde ausführlich über die Mitschuld von Journalisten, Paparazzi und der Presse [an ihrem Tod] diskutiert. Leider kommen Dinge dieser Art in Armenien nie zur Sprache. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen der Gier nach „Likes“ und „Klicks“ zum Opfer fallen.

Die Verantwortungslosigkeit und schlechte Qualität [der Medien], die bewusste Verbreitung gefälschter Nachrichten, um Skandalgeschichten zu erzeugen, die Verletzung der Privatsphäre, die Förderung von Hass und Intoleranz im Internet durch die armenischen Medien – mit anderen Worten die Vergiftung der Atmosphäre – gehörten zu den vielen Gründen, das Land zu verlassen“, erklärt Mel. Er merkt an, dass er den armenischen Medien nichts zu sagen habe, weil er absolut keine Hoffnung habe, dass sie ihre Arbeitsweise in irgendeiner Weise verändern würden.

Auf die Frage, ob er je nach Armenien zurückkehren werde, sagt er, dass er nicht darüber nachdenke und sich nicht vorstellen könne, dass eine Lösung der Probleme, denen er sich gegenübersah, in Armenien überhaupt möglich sei.


4. Gevorg: Befreiung in Frankreich

Gevorg ist ein 26-jähriger bisexueller Mann, der seit drei Jahren in Frankreich lebt. Er hat einen Antrag auf politisches Asyl gestellt, aber die französischen Ausländerbehörden entschieden, dass Gevorgs Rechte in Armenien nicht verletzt würden. Im Moment läuft sein Berufungsverfahren gegen den Bescheid.

„Nach dem Abschluss meines Bachelor-Studiums wurde ich von der lokalen Militärbehörde zur Musterung einbestellt, obwohl ich noch zwei Jahre zu studieren hatte. Während der Untersuchung erzählte ich dem Psychologen, dass ich sexuelle Beziehungen mit Männern gehabt habe und dass das vielleicht zu Problemen führen könnte, wenn ich zum Militärdienst eingezogen würde.

Die Militärbehörde schickte mich in eine psychiatrische Einrichtung. Dort wurde ich von einer ganzen Kommission von Ärzten tagelang über meine sexuelle Orientierung befragt. Während dieser Befragung legten sie alle eine abfällige und sarkastische Haltung an den Tag. Am Ende erstellten sie ein Gutachten, in dem sie mir bestimmte Merkmale zuschrieben, die typisch für einen Transgender-Mann sind.

Beleidigungen und Demütigungen

Danach wurde ich zu einer weiteren medizinischen Untersuchung durch eine andere Kommission geschickt, deren Vorsitzender ein hochrangiger Militäroffizier war, der die endgültige Entscheidung über die Eignung eines Kandidaten für den Wehrdienst traf. Ich erinnere mich nicht mehr, wie diese Kommission genau hieß, aber ich erinnere mich noch gut an das fette und abstoßende Gesicht des Vorsitzenden.

Nachdem er das medizinische Gutachten der vorherigen Kommission gelesen hatte, schrie er mir Drohungen und Schimpfwörter entgegen, mit denen er mich vor den anderen Wehrpflichtigen beleidigte und demütigte. Er drohte an, meine Familienangehörigen von meiner sexuellen Orientierung in Kenntnis zu setzen und mich zu einer Zwangstherapie in die psychiatrische Anstalt einzuweisen. Ich zittere immer noch, wenn ich an diese entsetzliche Person denke.

Sie bescheinigten mir die Untauglichkeit für den Militärdienst aufgrund von psychischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen. Auch das andere Personal der Militärbehörde ließ es sich nicht entgehen, mich zu verhöhnen, zu demütigen und mir zu drohen, sich an meine Verwandten und Freunde zu wenden“, erzählte Gevorg und fügte hinzu, dass ihn diese Erlebnisse in der Militärbehörde und in den medizinischen Kommissionen in ein schweres psychologisches Trauma gestürzt hätten.

Der Wunsch nach guter Bildeung und ein freies Leben als Bisexueller

„Ich war permanent nervös und verängstigt. Ich begann, jegliche sexuelle Beziehungen zu vermeiden. Es war zuvor schon nicht leicht gewesen. Selbst unter Schwulen und Lesben gibt es Vorurteile gegen und Ablehnung von Bisexuellen. Der Druck wurde so stark, dass mir klar wurde, dass ich Armenien verlassen und an einen Ort gehen musste, an dem ich mich frei fühlen und mich nicht mehr für mich selbst schämen würde.

Auch mein Wunsch nach guter Bildung spielte eine Rolle. Die Idee, mein Studium in Frankreich fortzusetzen, war sehr reizvoll, insbesondere als mir klar wurde, dass ich das in Armenien nicht würde tun können. Einige Freunde, die schon vor mir nach Frankreich gegangen waren, boten mir ihre Unterstützung an und so beschloss ich, aus Armenien wegzugehen.“ Gevorg erklärt weiter, dass er sich schon sehr viel zuversichtlicher und freier fühle, obwohl sein Asylantrag noch nicht bewilligt wurde.

Auch Gevorg wurde gefragt, wann er wohl nach Armenien zurückkehren würde. Seine Antwort lautete: „Wenn Armenien zu einem Land wie Frankreich und die Menschen in Armenien zu wirklichen Bürgern und Bürgerinnen geworden sind.“

 

Nur Anna, Tigran und Mel waren mit der Enthüllung ihrer Identität einverstanden. Aus verschiedenen Gründen wollte Gevorg nicht seinen richtigen Namen nennen. Das macht deutlich, dass einige LSBTI nach wie vor Gründe haben, ihr Leben nicht der Öffentlichkeit preiszugeben, auch wenn sie Armenien verlassen und schon eine ganze Weile in anderen europäischen Ländern leben.


Der Artikel ist Teil des EU-finanzierten Projekts "Solidarity Network for LGBTI in Armenia and Georgia". Das Projekt wird vom Südkaukasus Regionalbüro der Heinrich-Böll-Stiftung umgesetzt. Der Inhalt dieses Artikels liegt in der alleinigen Verantwortung des Autors und gibt nicht die Meinung der EU wieder.

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